Story 106
Die Tulpenmanie
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Die Standardversion: Im Holland der 1630er kostete eine einzelne Tulpenzwiebel angeblich so viel wie ein Grachtenhaus. Handwerker verkauften ihre Werkstätten, um mitzuspekulieren. 1637 platzte die Blase, die Wirtschaft brach zusammen, Menschen ruinierten sich, es gab Selbstmorde.
Was die Forschung sagt
Die Historikerin Anne Goldgar hat für ihr Buch „Tulipmania“ die Archive systematisch durchgearbeitet. Ergebnis:
Sehr hohe Preise gab es tatsächlich – aber nur für einige seltene Sorten, gehandelt in einem kleinen Kreis wohlhabender Kaufleute und Kenner. Es war kein Volkswahn.
Goldgar fand keine Belege für Massenpleiten oder Selbstmorde. Die niederländische Wirtschaft, damals die reichste Europas, zeigt in den Folgejahren keine Krisenspuren.
Woher kommt der Mythos?
Vor allem aus zwei Quellen: zeitgenössischen Moralschriften und Flugblättern, die in den Nachwehen des Zusammenbruchs vor Gier warnten – also Propaganda, nicht Berichterstattung. Und aus dem Buch „Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds“ von Charles Mackay (1841), der diese Flugblätter weitgehend ungeprüft übernahm.
Mackays Buch war extrem einflussreich. Praktisch alles, was heute über die Tulpenmanie erzählt wird, geht auf diese eine Nacherzählung zurück.
Was echt war
Der Preiseinbruch fand statt, und viele Verträge wurden nicht erfüllt. Der eigentliche Schaden war aber eher sozial: In einer Gesellschaft, die auf persönlichem Vertrauen basierte, wurden reihenweise Ehrenworte gebrochen.
Quellen ansehen
Anne Goldgar, „Tulipmania: Money, Honor, and Knowledge in the Dutch Golden Age“ (2007)